Boulaid & Emmy
Leben im Geist der Literatur ...
Die Geschichte einer grenzüberschreitenden Liebe
von Lisa Fischer (Artikel erschienen am 19.03.2004 in der Wiener Zeitung)

Es war in einem kleinen Café am Südtirolerplatz mit dem schlichten Namen "Du und Ich". Es existiert nicht mehr, doch eine Geschichte, die dort begann, lebt weiter fort. Hier begann eine Liebe, die, über kulturelle Gegensätze und Grenzen hinaus, schließlich sogar im algerischen Terror der 90er Jahre einem Paar das Überleben sicherte. Das schicksalhafte Treffen ereignete sich 1958. Sie, Emma Rauch, wurde 1937 in Vorarlberg als Tochter einer gutbürgerlichen Familie geboren; er Boulaid Doudou, Jahrgang 1934, stammte aus Jijel, einer algerischen Stadt am Mittelmeer. Sie absolvierte gerade ihre Ausbildung zur Säuglingsschwester, er dissertierte am Wiener Institut für Orientalistik. Eine unbestimmte Sehnsucht hatte ihn während seines Studiums im Irak, animiert durch einen Professor aus Bagdad, in die Stadt an der Donau geführt. Ohne Deutschkenntnisse war er dem Wiener Mythos gefolgt, hatte das Latinum nachgeholt und begonnen, Philosophie, Persisch und Arabisch zu studieren.

Die Liebe und die Bücher
 

Als die beiden einander zum ersten Mal trafen, entdeckten sie ihr gemeinsames Interesse an der Literatur. Bücher bildeten ihren Gesprächsstoff, sie besuchten das Theater und die Oper, diskutierten und rezitierten Gedichte. Die Liebe kam nicht stürmisch, sondern leise, langsam und mit der Zeit. Ein sanfter Kuss auf die Wange löste den Bann und führte sie in erste Konflikte. Als gläubige Katholikin wollte sie ihren Eltern einen "Beschnittenen", wie die ihn nannten' nicht als Schwiegersohn zumuten. Als ein Kind unterwegs war, schien eine Vermählung zwar die adäquate Antwort für das christliche Elternhaus zu sein, doch hatte das Paar sich getäuscht: Vater und Mutter der Braut erschienen 1963 nicht bei der Hochzeit, und auch die Familie des Bräutigams war über die Ausländerin keineswegs erfreut. Im Sommer kam die erste Tochter Yasmina zur Welt, 1965 folgte Nadiya, 1967 der Sohn Samir.


An der Wiener Universität war eine außerordentliche Professur für Orientalistik ausgeschrieben. Als Assistent und mittlerweile mit der österreichischen Staatsbürgerschaft ausgestattet, schien Boulaid Doudous Karriere nichts im Wege zu stehen, man berief jedoch einen gebürtigen Österreicher. Die Enttäuschung war groß. Zwar gab es Angebote aus anderen Ländern zum Beispiel aus San Francisco, aber Doudou lehnte ab - sein Blick galt der Heimat.


Algerien befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Periode des Aufbruchs. Nach der Unabhängigkeit von der französischen Kolonialherrschaft im Jahre 1959 hatte Oberst Houari Boumedienne 1965 als zweiter Präsident der algerischen Republik mit Hilfe der Armee in einem Staatsstreich einen neuen Weg eingeschlagen. In sozialistischem Geist und beseelt durch die Vision von einer Modernen Nation, förderte er Umstrukturierungsmaßnahmen, die von der allgemeinen Elektrifizierung bis hin zu einer grundlegenden Alphabetisierung reichten.
Dazu benötigte er Mitstreiter. Boulaid Doudou bewarb sich daher in Algier um eine Professur, denn er wollte am Aufbau mitarbeiten.
Als der gebürtige Algerier 1968 als Österreicher mit seiner Familie in die Heimat zurückkehrte, fand er viel Arbeit vor, aber auch zahlreiche Schwierigkeiten.

Sein Doktorat wurde nicht anerkannt, in der Dienstwohnung fehlten nicht nur die Möbel, sondern auch der Herd. Das Gehalt wurde zudem über Monate hinaus wegen bürokratischer Probleme nicht ausbezahlt. Die Familie musste Geld leihen und wohnte in einem Provisorium. Bücherkartons wurden zu Tischen und Sesseln umfunktioniert. Man aß auf Goethe und saß auf Schiller, lebte also auf jener Literatur, die man gelesen hatte.
Während sich der Vater auf Grund seiner Herkunft im vertrauten Sprachraum befand, mußten Frau und Kinder das Französische und das Arabische neu lernen. Mit der Mutter redeten die Kinder Deutsch, mit dem Vater sprachen sie Arabisch, untereinander Französisch. Die Sprache der Liebe zwischen den Eltern aber war und blieb Deutsch.

 

Die organisatorischen Schwierigkeiten begannen sich gerade ein wenig zu lösen, als 1972 eine unerwartete Vorladung des österreichischen Konsuls eintraf. Als Emma und Boulaid Doudou ihm ihre Pässe überreichten, konnten sie die verheerenden Folgen nicht ahnen. Getrieben von willkürlichem Rassismus, erklärte der österreichische Vertreter in einer illegalen Aktion die Dokumente für ungültig. Damit waren sie staatenlos geworden, und Boulaid Doudou musste um die algerische Staatsbürgerschaft ansuchen. Nun war Emma nicht nur an ihren Mann, sondern auch an ein fremdes Land gebunden. Es folgte eine Zeit des Schweigens, die Liebe war still geworden. 1974 kam das vierte und letzte Kind, Salma, auf die Welt. Erst 1980 sollte Boulaid Doudou durch die österreichische Botschaft die offiziell nie aberkannte österreichische Staatsbürgerschaft wieder erhalten. Der Konsul konnte nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Er war er auf einer Straße in Oran an einem Herzinfarkt gestorben.

 

Der Vermittler

Boulaid Doudou stürzte sich in die wissenschaftliche und literarische Arbeit. Als Übersetzer etablierte er sich als Mittler zwischen der arabischen und europäischen Kultur. Als profunder Sprachenkenner übersetzte er Werke von Zweig, Tolstoi, Puschkin, Lorca und Goethe, aber auch von dem Soziologen Ulrich Beck. Er publizierte in zahlreichen Zeitschriften und avancierte zu einem weltweit anerkannten Orientalisten. Als Romancier, Novellist und Satiriker schuf er sich einen nationalen Ruf als Literat. An der Universität nannte man ihn "den Deutschen", weil er versuchte, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit einzuführen. Er war der Erste am Morgen und der Letzte, der am Abend das Institut verließ. Emma Doudou akzeptierte die Probleme des Alltags und wusste nicht nur die Wasserknappheit, sondern auch die finanziellen Engpässe zu bewältigen. Kreativ im Management des Haushalts, meisterte sie das Leben mit großem Organisationstalent und war zudem die wesentliche Gesprächspartnerin ihres Mannes. Sie hatte die arabische Gelassenheit als Überlebensstrategie erlernt.


Bereits in den 80er Jahren machten sich die Vorboten des wachsenden Fundamentalismus bemerkbar und verschonten auch die eigene Familie nicht. Der dreizehnjährige Sohn rebellierte zu dieser Zeit gegen die abendländische Weltanschauungen. Als sich sein inner häuslicher Aufstand gelegt hatte, begann jedoch in Algerien der Terror. 1991 hatte die FIS, die Islamitische Heils front, die erste Runde der Parlamentswahlen gewonnen, woraufhin das Militär den Ausnahmezustand verhängte und die FIS verbot. Eine Welle terroristischer Anschläge erschütterte das Land, Schwarze Listen von so genannten Verrätern wurden angefertigt, Tausende getötet. Bis 1997 sollte die Zahl auf geschätzte 100.000 steigen, manche sprechen sogar von 200.000.


Boulaid Doudou, Repräsentant eines aufgeklärten Internationalismus und exponierter Intellektueller, galt den einen als Feind und wurde von den anderen gewarnt. Die universitäre Polizei ergriff Sicherheitsmaßnahmen. Man versah den Wohnungseingang der Familie mit einer Eisentür und schloß den Balkon mit einem Sichtschutz. Die Angst schlich sich dennoch ein und setzte sich in der Seele fest. Emma Doudou galt als Ausländerin und war daher eine Todeskandidatin für die so genannten "Halsabschneider". Spätestens zu diesem Zeitpunkt verließen auch die letzten Gefährdeten das Land. Obwohl in größter Gefahr, beschloß das Paar zu bleiben, und verließ von 1992 an die Wohnung nicht mehr. Offiziell lebten Tochter und Schwiegersohn in der Dienstwohnung des Professors. Es gelang allen, glaubhaft zu machen, die Eltern seien ausgewandert.
Innere Emigration


Die Wirklichkeit war anders. Fünf Jahre lang lebte das Paar im Geheimen, schlief mit Alpträumen und wachte in Angst. Man gewöhnt sich nicht an die Angst. Wenn sie Schritte im Stiegenhaus hörten, hielten Emma und Boulaid einander bei der Hand und waren bereit, gemeinsam zu sterben. Immer wieder wiederholte sich diese Szene.


Das kleine Café in Wien, in dem alles begonnen hatte, trug den Namen "Du und Ich", nun in Algier lebten sie notgedrungen im Geiste dieses Namens. Er gab ihnen Gemeinsamkeit und Kraft - die aufrechterhaltene Liebe aber wurde die Grundlage für ihr Überleben. Fünf Jahre, das sind 1.825 Tage oder 43.800 Stunden. Auch Minuten können Ewigkeiten werden. In der inneren Emigration auf sich selbst zurückgeworfen, abgeschnitten von der Welt, kehrte diese durch das Wort zu ihnen zurück. Die Bücher brachten in die engen Mauern jene Weite, die ihnen von der Wirklichkeit verweigert wurde. Worte sind leise, Gedanken still, sie sind keine Gefahr, aber können dennoch hörbar gemacht werden. Boulaid Doudou übersetzte, Emma Doudou las, beide zusammen führten einen intensiven Dialog, der ihnen das psychische Überleben sicherte.
An der Universität etablierten sich andere Gegenwelten. Christa Wolfs "Kassandra" wurde von einer mutigen Germanistin trotz des Terrors im Seminar behandelt. Wolfs Protestsprache der 80er Jahre, geschrieben im östlichen Teil Deutschlands, erreichte in den 90er Jahren in Algerien erneut politische Wirkung. Durch diesem Roman wurde an die weibliche Tapferkeit erinnert, das literarische Erleben zum Denken der Wahrheit geführt, das Angstgedächtnis zu einer Präsenz des Widerstandes. "Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg?" so lautet die entscheidende Frage Kassandras, prophetisch rückwärts gedacht. Durch den Unterricht einer algerischen Germanistin vermittelt, forderten die Worte Kassandras inmitten der allgegenwärtigen Gefahr zur Besinnung auf.


Die Todesdrohung


Die Terroristen kamen in Verkleidung, klopften als Installateure an die Tür oder tarnten sich mit irgendeinem anderen Mittel der Täuschung. Sie wurden nicht eingelassen. Aber die Eingesperrten wussten, dass die Mörder nicht immer mit einem schnellen Schuss töteten, sondern zuweilen lieber die Kehlen durchschnitten. Wie lange dauert es, bis der Tod eintritt? Diese Frage wurde allgegenwärtig.
Einmal im Jahr, zwei Monate und zehn Tage nach dem Ramadan, findet ein besonderes Ereignis statt: Im Hof werden Schafe geschlachtet für ein großes islamisches Opferfest. Ein Fenster der Wohnung gab einen Blick auf das Töten frei. Emma wollte ihrem Tod das Unbekannte nehmen, und schaute beim Schlachten zu, um zu wissen, wie lange es dauert, bis das Schaf mit durchtrennter Kehle stirbt. Es waren genau vier Minuten!
Das Grauen blieb, der Tod verschonte sie. 1997 wies die FIS ihre bewaffneten Organisationen an, alle Kampfhandlungen einzustellen. 1999 rief Bouteflika nach seinem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen zur nationalen Versöhnung auf und begnadigte in einer Generalamnestie Tausender inhaftierte Islamisten. Langsam trat in Algerien eine politische Entspannung ein. Die Welt draußen wurde für Emma und Boulaid Doudou wieder zur Wirklichkeit, die geschlossenen Wohnungstüren wurden geöffnet. Die geschriebenen und gesprochenen Worte des Überlebens aber blieben nicht nur für die beiden ein beredtes Zeugnis. Die Literatur wurde vielmehr zum Beweis, dass Rettung möglich sei.
Dennoch hinterließen die Belastungen Spuren. Durch drei Herzinfarkte geschwächt, ist Boulaid Doudou am 16. Jänner 2004 gestorben. Das offizielle Algerien verabschiedete sich von ihm mit einem Staatsakt in der Algerischen Nationalbibliothek, wie er nur den großen Dichtern und Literaten des Landes vorbehalten ist. Emma Doudou bleibt in der Trauer zurück. Die Erinnerung an ihrer beider Liebe aber ist das Erbe an die Zukunft.

Geschichte geschrieben von Lisa Fischer, erschienen am 19.03.2004 in der Wiener Zeitung

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